Madeleine Lobach

Meine Zeit

In Literarisches on 22. Dezember 2018 at 17:51

Frühmorgens, es ist noch dunkel. Ich erwache und spüre nach: genug geschlafen? Die Gedankenmaschine läuft an. Kein Weg zurück in die Traumwelt. Ich stehe auf, bemüht bedacht. Schlaftrunken steife Glieder strecken und beugen. Vereinzelte Dielen knarren, eine Treppenstufe knackt auf meinem Weg nach unten. Doch Glück: Aus den Schlafzimmern nur regelmäßiges Atmen. Jetzt ist meine Zeit.

Sanft schließe ich die Tür zur neuen Küche, lasse den offenen Wohnbereich mit seiner Hellhörigkeit hinter mir. In der alten Küche ist es kalt, ich gehe auf Zehenspitzen, stehe auf den Außenkanten meiner Fußsohlen. Ich fülle den Schweizer Wasserkocher, Relikt aus fernen Zeiten, als ich über niemandes Schlaf wachen musste, und schalte ihn an, sein blaues Licht erhellt den Raum wie ein Raumschiff das All. Ich muss ein Ohr für ihn haben, sein Deckel ist defekt, die Abschaltautomatik funktioniert nicht mehr.

Er rauscht, er brodelt, mit einem Klicken schalte ich ihn ab. Ich fülle Kaffeepulver in die kleine Stempelkanne, dosiert nach Augenmaß, und gieße heißes Wasser hinein, langsam kreisend, bis ich meine, dass es reicht. Kaffeemehl wirbelt im Wasser aufwärts, setzt sich an der Oberfläche ab. Zwei Finger breit. Bloß keine dünne Plörre!

Luftblasen steigen auf. Das Kaffeepulver ist gleichmäßig benetzt. Ich lasse es kurz ziehen, während ich mich warm anziehe, Strickjacke, Wollsocken, Halstuch. Dann drücke ich den Stempel runter. Am Widerstand merke ich, es ist gut.

Zurück in der offenen Küche nehme ich einen Becher aus dem Regal in der Nische des zugemauerten Durchgangs, hole die Sahne aus dem Kühlschrank, das Schmatzen der magnetischen Tür wie immer zu laut in meinen Ohren, doch Glück: im Haus bleibt alles still.

Dampf steigt aus der Tasse, ich setze mich an den Küchentisch, öffne das Macbook, öffne meinen Text, gehe direkt in Full Screen, damit nichts mich ablenken kann. Außer das heiße Getränk in meiner Hand. Ich koste den ersten Schluck des Tages, er schmeckt. Und dann lege ich los. 50 Wörter, 300, 750, so viel die Zeit hergibt. Ich schreibe, bis die hellen kleinen Stimmen ertönen, oben aus ihren Betten, und sich mein Tag in dem der anderen verliert.

Magie meines Morgens, ein guter Tag, der so beginnt.

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Gelbe Kontinente

In Autobiographisches on 15. April 2014 at 09:53

Der Himmel über Nürnberg azurblau, mit schlierigen Wolken und leisem Wind. Frühlingsluft. Die Vögel zwitschern bereits, wenn ich um halb sechs das Haus verlasse und es noch dunkel ist. Die Weide vor meinem Badezimmer zeigt die ersten Kätzchen. Der Frühling naht. Frühsommer, scherzte ich heute.

Wir breiten uns friedlich aus in diesem Zugabteil, nehmen es stillschweigend für uns ein. Gestreut auf den Sitzen, hängt jeder seinen Träumen nach, lebt seine Vorstellung von Sonntagabend in einem Zug auf dem Weg nach Hause. 

Zuvor einmal längs durch Nürnbergs Altstadt, von Süd nach Nord, von unten nach oben. Nürnberg aus der Perspektive des Burgherren, die Stadt unter dem Blick eines Wächters auf den Zinnen, der über sie kreist wie ein Habicht, ein Bussard.

Breakdance in der Königspassage. Welcher Fluss fliesst durch Nürnberg, die Pegnitz? Gebäude sind über den Fluss gebaut, teilen ihn längs, lassen ihn mäandrieren, wie er soll, doch dann spricht keiner mehr von Mäander, ich weiß, aber dennoch.

Musik aus der Passage lockt Schaulustige an. Vier Jungs ruhen sich aus, sie sind verschwitzt und sehen erschöpft aus. Der Zuschauer zuliebe versucht jedoch immer einer weiterzutanzen, vorzuführen, was er drauf hat. Es will nicht mehr gelingen, und so gehen wir.

Auf verödetem Reichsparteitagsgelände bleiben uns vier Minuten, bis die S-Bahn zurückfährt, und wir nehmen wahr, was ist, imaginieren allenfalls, was war. Hitlers Titanentreppen brüchig geworden, überwuchert vom Wildwuchs sukzessiver Vegetation, durchwachsen von den Wurzeln der Zeit. Hat die Zeit Wurzeln? Irrtum. Die Zeit ist nirgendwo verhaftet. Sie fließt, sie schwebt. Selbst unsichtbar, hinterlässt sie sichtbare Spuren.

Das Rattern der Räder auf den Schienen, das Schaukeln, vertraut wie der Herzschlag der Mutter im Uterus. Der Geruch meines Tuchs, mit dem bedeckt ich döse, der gleiche wie in Indien – schlief ich einst auf Gepäckablagen? – in Marrakesch, auf Rügen, am Chiemsee, gebettet auf dunkelroten Samt. Duftet wie mein Rucksack an der Victoria Station in Mumbai. So fern. Ein anderes Leben. In meinem Leben.

War ich eine andere? Bin ich eine andere jetzt? Eine, die gelb gekleidet die gelben Soldaten wählt, gelbe Pferde und Kanonen, und gelbe Kontinente in ihre Obhut nimmt. Bin das ich?

Ich will das Rattern des Zuges, ich will den verschlafenen Duft meines Tuches, den schalen Geschmack übernächtigter Zähne. Die trunken anmutende Erschöpfung des rastlos Reisenden. Auf zwei Sitzen liegend, die Füße in den Gang ragend trotz angewinkelter Beine. Alterslos, als sei ich eben geboren, oder noch überhaupt nicht geboren, als machte es nicht den geringsten Unterschied, ob ich jung bin oder hundert Jahre alt.

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© Madeleine Lobach

gedicht22

In Lyrik on 25. März 2014 at 20:52

Betörend

die Rede

stört

ein vorbeifliegender Vogel

ruft

sein Gefolge auf den Plan

der Anfang

war gegeben

der Faden

verloren

doch lief es rund, und

gegenüber

ein Lausbub

nichts als Flausen

ausgetrieben

Zündung

der Wortmotor

springt wieder an

und die Wolken geben den Himmel

frei

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© Madeleine Lobach