Madeleine Lobach

Ein Wunder für Artur

In Literarisches on 1. Februar 2014 at 19:18

Klickend schlossen sich die Türen. Mit einem Ruck fuhr der Zug an. Unschlüssig stand Artur im Durchgang zwischen Toilette und den Abteilen zweiter Klasse. Er wurde mehrmals angerempelt, bis er schließlich einfach mitlief. Entscheidungsunfähig, wie ein Schaf.

Im ersten Abteil waren die Vorhänge zugezogen. Ein guter Trick. Alle gingen achtlos daran vorbei. Artur riss die Schiebetür auf. Wind wehte ihm ins Gesicht. Das Fenster war bis zum Anschlag geöffnet. Die schmalen Gardinen flatterten wie Flaggen einer türkisen Republik. Das Abteil war leer. Artur huschte hinein und schloss die Tür. Seine Tasche ließ er auf die Sitzbank fallen. Er streckte sein Gesicht aus dem Fenster und blickte zurück auf die Hochhäuser der Stadt, die mit unzähligen Fenstern den Himmel erleuchteten. Sie schienen heller als die Sterne. Artur fürchtete den Moment, wenn kilometerweit keine Lichter mehr zu sehen waren außer den Sternen. Er fürchtete das dunkle Gebirge am Horizont. Er fürchtete den kleinen Ort, an dem er aufgewachsen war.

Lieber wollte er den Zug nach dem Mädchen absuchen und sich, wenn er an ihrem Platz stand, neben sie setzen. Er würde ihr mit einem Lächeln die Kopfhörer von den Ohren nehmen und selbst aufsetzen. Sie wäre überrascht, aber würde gewiss nach einem Augenblick zurück lächeln. Das hatte bisher immer funktioniert. Wenn ihm ein Mädchen gefiel, gefiel er ihr auch. Sie könnten sich über Musik unterhalten, und wenn Artur es geschickt anstellte, fand sie ihn vielleicht so gut, dass sie ihn mit zu sich nach Hause nahm. Musste er seinen Termin deshalb doch noch absagen, bliebe ihm die Geschichte mit den U-Bahn-Kontrolleuren als Entschuldigung.

Als er die Griffe des Fensters packte und es nach oben schob, hörte er einen Laut. Er klang auf eigenartige Weise transparent und war doch deutlich hörbar neben dem Rattern des Zuges. Wie das Zirpen einer Grille – einer Grille, die spricht. Artur verstand: „Halt!“ Er wandte den Kopf. War das eine Lautsprecherdurchsage? Vielleicht war die Anlage defekt. Er schob das Fenster zu und wollte gerade seine Tasche nehmen und gehen, als es erneut zirpte: „Halt!“

Artur schaltete das Licht ein. Am Rand der oberen Gepäckablage, dicht bei der Tür, saß ein kleines Wesen. Es hatte die Beine übereinandergeschlagen. Flügelpaare wie von einer Libelle wuchsen an seinem Rücken. Es schimmerte golden und war daher fast nicht zu erkennen gegen die Messingstange, auf der es saß. Artur ging näher heran. Kein Zweifel: Vor ihm, etwas höher als Augenhöhe, saß eine kleine Fee. Sie war wunderschön. Die blonden Haare fielen ihr bis auf die Knie. Sie war höchstens zehn Zentimeter groß und trug ein grünes Kleid.

„Kannst du helfen?“ fragte sie. „Kannst du helfen, ein Wunder zu vollbringen?“

Artur glaubte nicht an Wunder. Er glaubte auch nicht an Feen oder sonstige Fabelwesen.

Die Situation war grotesk. Offensichtlich saß dort auf der Gepäckablage eine Fee und bat ihn um Hilfe. Er könnte sie ignorieren und aus dem Abteil gehen. Genausogut könnte er bleiben und sich mit der Fee unterhalten, so absurd das auch schien.

„Was würde ein Schaf tun?“ fragte Artur zurück.

„Das, was die anderen Schafe tun“, antwortete die Fee.

Die Schafe würden gehen, war sich Artur sicher. Artur wollte kein Schaf mehr sein.

„Wobei soll ich helfen?“

„Ich bin beauftragt worden, ein Wunder zu vollbringen, bis Mitternacht. Ich fürchte, ich bin zu spät!“ Die kleine Fee ließ den Kopf hängen und begann zu weinen. Winzige Tränen stäubten um ihr Gesicht wie feiner Sprühregen. Artur war gerührt. …

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© Madeleine Lobach

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  1. kann gleich in die Geschichte einsteigen und habe schon die Bilder dafür in mir, würde gerne wissen wie sie weiter geht

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