Madeleine Lobach

Archive for the ‘Autobiographisches’ Category

Gelbe Kontinente

In Autobiographisches on 15. April 2014 at 09:53

Der Himmel über Nürnberg azurblau, mit schlierigen Wolken und leisem Wind. Frühlingsluft. Die Vögel zwitschern bereits, wenn ich um halb sechs das Haus verlasse und es noch dunkel ist. Die Weide vor meinem Badezimmer zeigt die ersten Kätzchen. Der Frühling naht. Frühsommer, scherzte ich heute.

Wir breiten uns friedlich aus in diesem Zugabteil, nehmen es stillschweigend für uns ein. Gestreut auf den Sitzen, hängt jeder seinen Träumen nach, lebt seine Vorstellung von Sonntagabend in einem Zug auf dem Weg nach Hause. 

Zuvor einmal längs durch Nürnbergs Altstadt, von Süd nach Nord, von unten nach oben. Nürnberg aus der Perspektive des Burgherren, die Stadt unter dem Blick eines Wächters auf den Zinnen, der über sie kreist wie ein Habicht, ein Bussard.

Breakdance in der Königspassage. Welcher Fluss fliesst durch Nürnberg, die Pegnitz? Gebäude sind über den Fluss gebaut, teilen ihn längs, lassen ihn mäandrieren, wie er soll, doch dann spricht keiner mehr von Mäander, ich weiß, aber dennoch.

Musik aus der Passage lockt Schaulustige an. Vier Jungs ruhen sich aus, sie sind verschwitzt und sehen erschöpft aus. Der Zuschauer zuliebe versucht jedoch immer einer weiterzutanzen, vorzuführen, was er drauf hat. Es will nicht mehr gelingen, und so gehen wir.

Auf verödetem Reichsparteitagsgelände bleiben uns vier Minuten, bis die S-Bahn zurückfährt, und wir nehmen wahr, was ist, imaginieren allenfalls, was war. Hitlers Titanentreppen brüchig geworden, überwuchert vom Wildwuchs sukzessiver Vegetation, durchwachsen von den Wurzeln der Zeit. Hat die Zeit Wurzeln? Irrtum. Die Zeit ist nirgendwo verhaftet. Sie fließt, sie schwebt. Selbst unsichtbar, hinterlässt sie sichtbare Spuren.

Das Rattern der Räder auf den Schienen, das Schaukeln, vertraut wie der Herzschlag der Mutter im Uterus. Der Geruch meines Tuchs, mit dem bedeckt ich döse, der gleiche wie in Indien – schlief ich einst auf Gepäckablagen? – in Marrakesch, auf Rügen, am Chiemsee, gebettet auf dunkelroten Samt. Duftet wie mein Rucksack an der Victoria Station in Mumbai. So fern. Ein anderes Leben. In meinem Leben.

War ich eine andere? Bin ich eine andere jetzt? Eine, die gelb gekleidet die gelben Soldaten wählt, gelbe Pferde und Kanonen, und gelbe Kontinente in ihre Obhut nimmt. Bin das ich?

Ich will das Rattern des Zuges, ich will den verschlafenen Duft meines Tuches, den schalen Geschmack übernächtigter Zähne. Die trunken anmutende Erschöpfung des rastlos Reisenden. Auf zwei Sitzen liegend, die Füße in den Gang ragend trotz angewinkelter Beine. Alterslos, als sei ich eben geboren, oder noch überhaupt nicht geboren, als machte es nicht den geringsten Unterschied, ob ich jung bin oder hundert Jahre alt.

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© Madeleine Lobach
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Stromfasten

In Autobiographisches on 25. Januar 2014 at 20:27

Nach und nach verabschieden sich die Heizkörper. Wie sich der Saft der Bäume im Herbst nach unten in den Stamm verzieht, weicht die Wärme aus ihnen zurück. Es bleiben nichts als starre kalte Hüllen. Ich ziehe meinen Bademantel über, um mich gegen die herannahende Kälte zu wappnen. Nicht ohne Ironie stelle ich die leicht verderblichen Waren ins Eisfach des Kühlschranks – dort bleiben sie länger kalt.

Voll Tatendrang stehe ich im hell erleuchteten Arbeitszimmer, als es auf einmal stockfinster wird. Die Glühlampe ist durchgebrannt, denke ich als erstes und taste mich zum Schalter der Schreibtischlampe vor. Als diese sich nicht anknipsen lässt, dämmert es mir langsam. Stromausfall. Stimmengewirr im Hausflur lässt ahnen, dass ich nicht allein betroffen bin. Meine stromgebundene Abendplanung fällt in sich zusammen. Ich gehe ins Bad und entzünde die zwei halb heruntergebrannten Teelichter, die sonst den Aufenthalten im heimischen Mini-Spa vorbehalten sind. Zum Glück hatte ich in einem hellen Moment weitere Teelichter auf Vorrat gekauft.

Ich trete auf den Balkon und schaue auf die flimmernden Lichter der Vorstädte, die hell erleuchteten Straßen nur ein paar Häuserblocks weiter. Unsere Straße dagegen ist dunkel, die Straßenlampen brennen nicht. In Häusern gegenüber sieht man Menschen mit Taschenlampen umhergehen. Bläuliche Lichtkegel oder gedämpfter Kerzenschein erhellen die Fenster. Ich bin nicht allein im Dunkeln.

In Gedanken beginne ich aufzulisten, was noch funktioniert. Mein Handy, da es gerade frisch aufgeladen ist. Mein MacBook, da es gerade frisch aufgeladen ist. Kerzen. Fließend Wasser. Uhren. Die Stirnlampe, die die Hände frei lässt und genügend Licht spendet, um lesen zu können. Mit dem Campingkocher könnte ich einen Tee bereiten.

Ich schaukele im Schaukelstuhl, der nichts weiter braucht als Schwung, und stelle mir die Techniker des Stromversorgers vor, die mit roten Köpfen und schwitzigen Stirnen fieberhaft versuchen, den Fehler zu orten und möglichst schnell zu beheben. Die Angestellten an den Servicetelefonen tun mir leid. Ich wünsche ihnen, dass um diese Zeit die Leitungen nicht mehr besetzt sind. Wer fühlt sich schon dem Ansturm ungehaltener Stromabnehmer gewachsen: ausgerechnet heute abend, wo gerade die Skiabfahrt in da-und-da übertragen wird! Das Qualifikationsspiel A gegen Z! Die fünfzehnte Wiederholung der „Unendlichen Geschichte“!

Die Teelichter beleuchten ein Foto meiner Ahnen. In Sonntagskleidung gehüllt, posieren sie für das Gruppenbild mit offenem Automobil, von dem man vor lauter Gruppe fast nichts sieht. Obwohl aus Hosenbeinen und Ärmeln herausgewachsen, tragen die Jungs den einzigen guten Anzug, den sie besitzen. Jungs wie Mädels, gewöhnt an harte Arbeit seit dem Kindesalter. Euch bringt so leicht nichts aus der Fassung. Ihr macht euch keine Illusionen. Ihr habt gelernt, euch selbst nicht allzu ernst zu nehmen.

Ich sitze ruhelos, schaukele ruhelos, werde schließlich still. Ich schaue auf die Reflexionen der Teelichter an der weißen Porzellanlampe. Auf einmal beunruhigen mich Stille und Dunkelheit nicht mehr. Ich beginne sie zu genießen, die Auszeit. Mit leisem Bedauern erwarte ich den Moment, in dem die Lichter wieder angehen werden.

Und während ich noch den Punkt hinter den letzten Satz setze, wird es hell. Ein Jubelruf ertönt von fern, der Kühlschrank nimmt mit Murren seine Tätigkeit wieder auf. Gänsehaut. Zwei Stunden Pause von der Welt, in einem Augenblick vorbei.

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© Madeleine Lobach