Madeleine Lobach

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Stromfasten

In Autobiographisches on 25. Januar 2014 at 20:27

Nach und nach verabschieden sich die Heizkörper. Wie sich der Saft der Bäume im Herbst nach unten in den Stamm verzieht, weicht die Wärme aus ihnen zurück. Es bleiben nichts als starre kalte Hüllen. Ich ziehe meinen Bademantel über, um mich gegen die herannahende Kälte zu wappnen. Nicht ohne Ironie stelle ich die leicht verderblichen Waren ins Eisfach des Kühlschranks – dort bleiben sie länger kalt.

Voll Tatendrang stehe ich im hell erleuchteten Arbeitszimmer, als es auf einmal stockfinster wird. Die Glühlampe ist durchgebrannt, denke ich als erstes und taste mich zum Schalter der Schreibtischlampe vor. Als diese sich nicht anknipsen lässt, dämmert es mir langsam. Stromausfall. Stimmengewirr im Hausflur lässt ahnen, dass ich nicht allein betroffen bin. Meine stromgebundene Abendplanung fällt in sich zusammen. Ich gehe ins Bad und entzünde die zwei halb heruntergebrannten Teelichter, die sonst den Aufenthalten im heimischen Mini-Spa vorbehalten sind. Zum Glück hatte ich in einem hellen Moment weitere Teelichter auf Vorrat gekauft.

Ich trete auf den Balkon und schaue auf die flimmernden Lichter der Vorstädte, die hell erleuchteten Straßen nur ein paar Häuserblocks weiter. Unsere Straße dagegen ist dunkel, die Straßenlampen brennen nicht. In Häusern gegenüber sieht man Menschen mit Taschenlampen umhergehen. Bläuliche Lichtkegel oder gedämpfter Kerzenschein erhellen die Fenster. Ich bin nicht allein im Dunkeln.

In Gedanken beginne ich aufzulisten, was noch funktioniert. Mein Handy, da es gerade frisch aufgeladen ist. Mein MacBook, da es gerade frisch aufgeladen ist. Kerzen. Fließend Wasser. Uhren. Die Stirnlampe, die die Hände frei lässt und genügend Licht spendet, um lesen zu können. Mit dem Campingkocher könnte ich einen Tee bereiten.

Ich schaukele im Schaukelstuhl, der nichts weiter braucht als Schwung, und stelle mir die Techniker des Stromversorgers vor, die mit roten Köpfen und schwitzigen Stirnen fieberhaft versuchen, den Fehler zu orten und möglichst schnell zu beheben. Die Angestellten an den Servicetelefonen tun mir leid. Ich wünsche ihnen, dass um diese Zeit die Leitungen nicht mehr besetzt sind. Wer fühlt sich schon dem Ansturm ungehaltener Stromabnehmer gewachsen: ausgerechnet heute abend, wo gerade die Skiabfahrt in da-und-da übertragen wird! Das Qualifikationsspiel A gegen Z! Die fünfzehnte Wiederholung der „Unendlichen Geschichte“!

Die Teelichter beleuchten ein Foto meiner Ahnen. In Sonntagskleidung gehüllt, posieren sie für das Gruppenbild mit offenem Automobil, von dem man vor lauter Gruppe fast nichts sieht. Obwohl aus Hosenbeinen und Ärmeln herausgewachsen, tragen die Jungs den einzigen guten Anzug, den sie besitzen. Jungs wie Mädels, gewöhnt an harte Arbeit seit dem Kindesalter. Euch bringt so leicht nichts aus der Fassung. Ihr macht euch keine Illusionen. Ihr habt gelernt, euch selbst nicht allzu ernst zu nehmen.

Ich sitze ruhelos, schaukele ruhelos, werde schließlich still. Ich schaue auf die Reflexionen der Teelichter an der weißen Porzellanlampe. Auf einmal beunruhigen mich Stille und Dunkelheit nicht mehr. Ich beginne sie zu genießen, die Auszeit. Mit leisem Bedauern erwarte ich den Moment, in dem die Lichter wieder angehen werden.

Und während ich noch den Punkt hinter den letzten Satz setze, wird es hell. Ein Jubelruf ertönt von fern, der Kühlschrank nimmt mit Murren seine Tätigkeit wieder auf. Gänsehaut. Zwei Stunden Pause von der Welt, in einem Augenblick vorbei.

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© Madeleine Lobach

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